Karhujärvi, Finnland
13.03.2004 - 27.03.2004
66°30' N / 28°20' E
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Eiskalt erwischt! Tips und Tricks beim Photographieren bei Eiseskälte

Martin Franitza, Januar 1999

Motorradfahren im Winter jenseits des Polarkreises ist eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Martin Franitza und Helmut Binder suchten das eiskalte Abenteuer in Skandinavien. Schneestürme, spiegelglatte Pisten und Temperaturen, die den Atem gefrieren ließen, konnten sie nicht abhalten, mit zwei BMW-GS-Gespannen immer weiter nach Norden vorzudringen, um letztlich da zu stehen, wo es nicht mehr weitergeht: Am Nordkap. Diese außergewöhnliche Reise wurde von Martin Franitza in eindrucksvollen Photos dokumentiert. Dabei sammelte er wertvolle Erfahrungen über den Einsatz von Photoequipement bei beträchtlichen Minusgraden. In seinem Buch "Eisige Pisten und Schneegestöber" – und hier – berichtet er davon.

Gespannfahren kennt keine Jahreszeiten. Und so ist es nur allzu verständlich, daß der Photoapparat, der im Sommer mit Autofocus und vollautomatischer Belichtung abenteuerliche Erlebnisse auf Film bannte, auch im Winter im Kofferraum verstaut wird. Die Enttäuschung ist groß, wenn die Arbeitskollegen "Gespannfahrerlatein" endlich in Farbe sehen wollen und aus dem Labor kein beweiskräftiges Material zurückkommt.

Die Kamera

Vollautomatische Spiegelreflexkameras sind heute Standard. Chips übernehmen das Wissen und Denken. In der Regel reicht der Druck auf den Auslöser, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erhalten. Die Kenntnisse des Photoprobanden reduzieren sich auf das Studium der Bedienungsanleitung, das Einlegen des Filmes und dem gelegentlichen Wechsel der Batterie.

Problem 1: Stromversorgung. Das größte Problem bei tiefen Minusgraden ist die Stromversorgung. Dauerhaft kalte Batterien geben keinen Strom ab, sei es nun für den integrierten Belichtungsmesser der Kamera oder die umfangreiche Elektronik. Drei Möglichkeiten bieten sich je nach Kameratyp an, dieses Problem zu umgehen:

Problem 2: Die Kamera "friert ein". Bei großer Kälte sollte man stündigen Temparaturwechsel der Kamera vermeiden. Beim Eintritt von Kälte in Wärme (Hotel, beheizte Hütte oder Camp) bildet sich auf/in der ausgekühlten Kamera Kondenswasser. Beim nächsten Einsatz in der Kälte friert dann diese Feuchtigkeit zu Eis, was zum vollständigen elektronisch/mechanischen Ausfall der Kamera führen kann. Läßt sich der Temparaturunterschied nicht vermeiden, so sollte die Kamera in einem luftdichten Sack oder Koffer langsam an die Umgebungstemparatur gewöhnt werden.

Lösung: Die vollmechanische Spiegelreflexkamera. Eine vollmechanische Kamera, die ohne jegliche Batterie funktioniert, ist die beste Lösung. Der meist eingebaute Nachführbelichtungsmesser erleichert das Photographieren, solange die Batterie funktioniert. Trotzdem ist es ratsam, die angezeigte Belichtung anhand eines externen Handbelichtungsmessers zu kontrollieren.

Die bekannteste Vertreterin der mechanischen Gilde dürfte die Nikon FM 2 sein. Wer bereits eine Nikon sein eigen nennt, hat Glück, denn die Objektive der Autofocus-Modelle lassen sich auch auch der FM-2 verwenden und die Investition von etwa 1000 Euro für das Gehüuse würe überlegenswert. Schwieriger stellt sich jedoch die Situation für die Benutzer anderer Systeme dar. Die Objektive der Minolta-AF-Systemkameras sind nicht kompatibel zu den ülteren Kameras mit manueller Fokussierung. Nur die Objektive der heute noch angebotenen Modelle X 300 und X 500 mit elektronischem Verschluü sind mit den alten, mechanischen Gehüusen der SR-Baureihe kompatibel. Bei Canon lassen sich AF- und MF-Objektive überhaupt nicht mit den jeweilig anderen Gehüusen verbinden.

Gebrauchtmarkt und Photobürse heißt eine Alternative. Die aus den 60er Jahren stammenden mechanischen Kameras von Minolta bekommt man heute zu attraktiven Preisen. Eine Gehüuse kostet etwa 75 EUR. Lichtstarke Objektive je nach Brennweite zwischen 60 und 140 Euro. In jeder größeren Stadt sind Fachhändler zu finden, die mit gebrauchten Kameras handeln. Ansonsten hilft ein Blick in die verschiedenen Photomagazine. Ein bis zwei zusätzliche Scheine sollte man in die Überprüfung durch eine Fachwerkstatt investieren, denn auf die Zusage des Verkäufers, daß die Kamera auch funktioniert, solte man sich nicht blindlings verlassen.

Problem 3: Die Filme. Bei Kälte wird der Film bzw. das Trägermaterial sprüde. Es weist nicht mehr die Flexibilität auf, die es zum Beispiel bei 20 Grad aufweist. Bei Kameras mit eingebautem Motor kann es daher bedingt durch die ruckartige Beschleunigung des Films durch den Motor zu Rissen im Film bzw. zum kompletten Abriss kommen. Das gleiche gilt bei mechanischen Kameras, wenn bei extremer Kauuml;lte ohne Gefühl über den Schnellspannhebel weitertransportiert wird. Aus diesem Grund sollte man auch nicht versuchen, das allerletzte Bild aus dem Film zu quetschen. Bei mechanischem Transport läßt sich die Transportfunktion am Rückspulhebel kontrollieren.

Bild- oder Diafilme unterscheiden sich kaum hinsichtlich des Trägermaterials. Es gibt nur einen Film, der sich durch besondere Reißfestigkeit auszeichnet, der Ilford SP816T. Die Emulsion dieses Films ist auf einem reißfesten Polyestertrüger aufgebracht. Dieser Film wird in Anlagen zur Verkehrsüberwachung eingesetzt. Da es sich um einen schwarz/weiß-Film mit erhöhter Rotempfindlichkeit handelt, dürfte er nur für ausgesprochene Profis oder Schwarz-Weiß-Liebhaber in Frage kommen.

Problem 4: Die Belichtung. Setzen wir nun die Funktionstüchtigkeit der Kamera voraus, so sind bei der Belichtung der Filme dennoch einige Punkte zu beachten. Diafilme erfordern für zufriedenstellende Ergebnisse eine korrekte Belichtung. Farbnegativfilme haben einen erheblich hüheren Belichtungsspielraum und verzeihen Fehlbelichtungen eher. Sie sind also unproblematischer und erhöhen die Chance, verwertbare Ergebnisse mit nach Hause zu bringen. Je nach Film vertragen sie von bis zu +3 bis -2 Blendenstufen Über- oder Unterbelichtung. Korrekturen nehmen die Printer in den Entwicklungslabors automatisch vor. Trotzdem liefert nur eine korrekte Belichtung das beste Ergebnis.

Zudem sollte man wissen, daü Belichtungsmesser, egal ob in die Kamera eingebaut oder ein externer Belichtungsmesser, auf eine definierte Graufläche geeicht sind. Eine weiße Schneelandschaft entspricht jedoch meist nicht dieser definierten Graufläche. Das Motiv wird unterbelichtet, der strahlend weiße Schnee erscheint auf dem Bild als graue Suppe. Bei Kameras mit Korrekturmüglichkeit immer nach Plus belichten. Bei mechanischen Kameras entsprechend die Blende öffnen. Bei Diaphotographie ist also grundsätzlich eine Belichtungsreihe von einem Photomotiv empfehlenswert.

Unsere Ausrüstung:

Um uns einen Überblick über die Tauglichkeit von verschiedenen Kameras bei extremer Kälte machen zu können, haben wir drei Generationen von Photoapparaten mitgenommen: Die gesamte Ausrüstung transportierten wir in der Phototasche Magnum AW der Firma Lowe. Ausreichend Batterien, zwei Belichtungsmesser der Firma Gossen, eine ganze Kiste verschiedener Filme sowie ein Stativ vervollständigten unsere Ausrüstung.

Unsere Erfahrungen während 6 Wochen Norwegen/Finnland mit Temperaturen bis Minus 35 Grad:

Die oft sehr extremen Lichtverhältnisse im Norden haben wir teilweise unterschätzt und deswegen auch Fehler gemacht. Bei manchen Motiven (Action-Aufnahmen) hütten wir doch lieber auf hochempfindliches Negativmaterial zurückgreifen sollen, das hinsichtlich der Belichtung mehr Spielraum offen läßt. Mit dem Kodak 800 Zoom (800 ASA) haben wir beim Scandream-Rennen beste Erfahrungen gemacht. Trotz Schneesturm und miesester Lichtverhültnisse erreichten wir mit diesem Film sehr gute Ergebnisse.

Unsere Tips zum Photographieren bei extremen Kältegraden:

Das Buch von Martin Franitza:
"Eisige Pisten und Schneegestüber" - 144 Seiten, über 200 Abbildungen, davon über 100 in Farbe.
ISBN: 3980481417, ca. EUR 21,00. Erschienen im Verlag Martin Franitza
Order-Hotline: 08734-93022

Wiedergabe mit Genehmigung von M. Franitza.

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